Landespressekonferenz des BVMW – der sächsische Mittelstand braucht die digitale Revolution – jetzt!

So wie Leuchttürme Licht in das angrenzende Umland bringen, so profitieren kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von der Wirtschaftsstärke weniger ausgewählter Branchen und Zentren in ihrem direkten Umfeld. Was auf den ersten Blick gewinnversprechend klingt und im Freistaat aktiv wirtschaftspolitisch gefördert wurde, hat auf den zweiten Blick einen bitteren Beigeschmack: Die in Sachsen ohnehin schnelle Abwanderung aus dem ländlichen Raum in die Ballungsgebiete Dresden, Leipzig und Chemnitz beschleunigt sich noch mehr als es ohnehin schon der Fall ist. Doch was hat dieses wirtschaftspolitische Phänomen mit der Notwendigkeit von sehr guten Infrastrukturen, Breitbandausbau und der Digitalisierung zu tun?

Eine Abkehr von der sächsischen Leuchtturmpolitik forderte vergangenen Montag der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) auf der Landespressekonferenz Sachsen im Pressezentrum des Sächsischen Landtags. Für Frank Kaiser, Geschäftsführer der Trans4mation und Mitglied im Senat des BVMW, war besonders der Fokus Breitbandausbau im ländlichen Raum eine Herzensangelegenheit. Um die Wirtschaft in diesen Gebieten nicht nur zu stärken, sondern auch das „erhebliche wirtschaftliche Potenzial zu halten, geht es gar nicht anders, als die Digitalisierung dramatisch zu beschleunigen“, erklärte auch Antje Hermenau vom BVMW-Landeswirtschaftssenat Sachsen. „Diese Fehlentwicklung sollte zügig korrigiert werden.“ Das Problem: Der Breitbandausbau rangiert aus Sicht der Unternehmen nicht an erster Stelle. Die Unternehmerumfrage 2015/2016 des BVMW ergab, dass das Thema Digitalisierung bei Firmen eher im Hintergrund rangiert – und das obwohl das Thema eine drängende Herausforderung ist.

 

 

Unternehmen, die bereits digitalisiert haben, sind mit großer Mehrheit mit den Ergebnissen zufrieden und verzeichnen eine positive Auswirkung auf ihren Betrieb.

Wo liegt also das Problem? Die Leuchtturmpolitik des Freistaates hat in den letzten Jahrzehnten die Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz gestärkt, sodass diese Standorte inzwischen sehr gut alleine weiterkommen – besonders wirtschaftlich. Wichtig ist aber der Erhalt der der mittelständischen Struktur in den mittleren Städten und im ländlichen Raum: Ungefähr 99 % aller Betriebe in Sachsen haben weniger als 250 Mitarbeiter und gehören damit zu den KMU – und zwei Drittel dieser Firmen liegen im ländlichen Raum.

Damit Sachsen als ein führendes Ingenieursland und Zentrum des Mittelstands an der Spitze der deutschen Wirtschaft bleibt, sind leistungsfähige Internetzugänge für diese Firmen zwingend notwendig. 

Die Senatoren des BVMW erwarten, dass sich die Landespolitik darauf konzentriert, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im ländlichen Raum erheblich und schnell zu verbessern. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist der entscheidende technologische Sprung hin zu flächendeckendem und beschleunigtem Ausbau von Hoch- und Höchstgeschwindigkeitsnetzen: Und damit den ländlichen Raum als attraktiven Wohn- und Arbeitsplatz reaktivieren und langfristig die sächsische Wirtschaftskraft stärken. Bezahlbare Grundstücke und Immobilien in idyllischer Landschaft, Nähe zur Arbeit, Kitaplätze – doch schnelle Anschlüsse ans Netz fehlen. Das Ingenieursland Sachsen darf es in Zukunft nur noch hochwertig digitalisiert geben. Aus Sicht des Wirtschaftssenats sollte das Tempo deutlich erhöht und flächendeckend auf mehr als 1 Gbit/s bis 2020 durch die Errichtung eines Glasfasernetzes umgesetzt werden. Bisher ist Sachsen ein starkes Industrieland – wenn es die Herausforderungen des digitalen Zeitalters aber nicht schnell genug meistert, kann es innerhalb weniger Jahre stark an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Schätzungen ergeben, dass sich das Datenvolumen bis 2020 im Vergleich zu 2015 um den Faktor 50 vervielfacht – ein Wert, der für sich spricht und die dringende Notwendigkeit eines flächendeckenden, leistungsfähigen Breitbandnetzes für Unternehmen im ländlichen Raum verdeutlicht.

Bisher ist die digitale Infrastruktur im ländlichen Raum aus unternehmerischer Sicht sehr mangelhaft.

Bemühungen, diesen Zustand zu verbessern, erfolgten bereits von der Staatsregierung und wurden vom BVMW wahrgenommen und begrüßt. Das vom Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA) herausgegebene „Sachsen Digital“ beschreibt die Digitalisierungsstrategie für den Freistaat, reicht aber nach Ansicht der Senatoren bei Weitem nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Wirtschaft im ländlichen Raum zu halten, geschweige denn erkennbar wachsen zu lassen.

Was also tun? Die alte Leuchtturmpolitik durch konkrete Maßnahmen für eine breite, flächendeckende wirtschaftliche Entwicklung in Sachsen ersetzen – und aufklären!

Der sächsische Mittelstand muss sich in den kommenden Jahren erheblichen Umwälzungen stellen: Firmenübergaben, Ausrüstungsinvestitionen oder die Energiewende und damit einhergehende finanzielle Investitionen. Vor diesen Herausforderungen darf die Notwendigkeit der Digitalisierung nicht in den Hintergrund treten, warnen die Senatoren. Das Projekt „Gemeinsam digital Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum Berlin“ und insbesondere der Förderschwerpunkt „Mittelstand 4.0“ ist eine konkrete Maßnahme, die der BVMW im Rahmen der Initiative Mittelstand Digital des Bundeswirtschaftsministeriums umsetzt. KMU werden dabei von Schnellläuferprojekten begleitet, die vor der eigentlichen Umsetzung eines Digitalisierungsprojekts in einem Unternehmen ansetzen und den genauen Digitalisierungsbedarf mit einem nutzerzentrierten Ansatz ermitteln. Dieser wiederum analysiert den tatsächlichen Bedarf anhand der Anforderungen künftiger Nutzer an die mögliche Lösung. Das Ziel dieser Schnellläuferprojekte ist ein effizienter Einsatz von privatem und öffentlichem Kapital, um die zu modernisierenden beziehungsweise neuen Breitbandnetze nachhaltig zu konzipieren und das sinnlose Verbrennen von (Förder-) Mitteln zu verhindern. Das Ergebnis: Den Glasfasernetzen gehört die Zukunft, sie stellen die Kapazitäten, um mit den ansteigenden Datenvolumina fertig zu werden. Digitalisierung ist notwendig – bringt aber gleichzeitig Veränderungen und Verunsicherung mit sich. Mittelständler müssen sachsenweit für das Thema Digitalisierung sensibilisiert und aufgeklärt werden. Neuen digitalen Geschäftsideen muss mehr Raum gegeben werden. Beratung über Datensicherheit und -schutz muss stattfinden – letzteres insbesondere vor dem Hintergrund der EU-Datenschutz-Grundverordnung, die Anfang 2018 in Kraft tritt und bei vielen Unternehmen zu Verunsicherungen führt. Cloud-Anwendungen werden auch in mittelständischen Unternehmen ein immer größeres Thema und damit auch die Sorge um sensible Unternehmensdaten.

Es ist Zeit für den Informatiker 4.0.

Die Infrastruktur ist die Basis – entsprechende IT Professionals und Consultants verbessern IT-Lösungen und entwickeln mit den Unternehmen gemeinsam neue Geschäftsmodelle. Der Stein der Digitalisierung ist angestoßen und bringt Potenziale ins Rollen: Arbeitsplätze für die Gruppe neuer IT-Mitarbeiter und Möglichkeiten für Regionen, die als wirtschaftlich eingeschlafen galten – die Landkreise Erzgebirgskreis, Mittelsachsen, Bautzen und Zwickau mit einer hohe Dichte an mittelständischen Unternehmen. Es ist höchste Zeit, sich den Digitalisierungsprozessen zu stellen – einem Schwerpunkt des BVMW, auch in enger Kooperation mit der Bundesregierung im Rahmen des Projekts „Mittelstand digital 4.0“. Der Anfang für die digitale Revolution ist gemacht – jetzt ist die Landespolitik gefragt.

 

Quellen:
www.bvmw.de
Unternehmerumfrage 2015/2016 des BVMW
Sachsen Digital, Digitalisierungsstrategie des Freistaates Sachsen, Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr

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